Menschen, die sich in ihrer Existenz bedroht sehen, begehen Suizid aus Angst und Verzweiflung.

Das stille Sterben in Zeiten von Corona

Gestern war ich traurig.
Heute bin ich betroffen. Ich bin betroffen, weil mir gestern ein weiterer dunkler Aspekt der Corona-Krise vor Augen geführt wurde: das stille Sterben abseits der medialen Aufmerksamkeit.

Wie in meinem gestrigen Blogbeitrag beschrieben, habe ich am Palmsonntag früh beim Nordic-Walking in aufblühender Natur das gewollte Sterben eines Menschen zur Kenntnis nehmen müssen. Einsam und allein hat sich dieser Mensch entschieden, seine Todesangst zu überwinden und sich in die Tiefe zu stürzen. Wie groß muss seine Angst vor dem Leben gewesen sein, dass er es vorzog, die Angst vor dem Sprung ins Nichts zu überwinden, habe ich mich gefragt.

Ein paar Zahlen

Laut Statista (https://de.statista.com) liegen die aktuellen Fallzahlen für „absichtsvoll herbeigeführte Beendigung des eigenen Lebens“ in Deutschland bei rund 9.241 Todesfällen im Jahr 2017. Damit sterben in Deutschland deutlich mehr Menschen durch Suizid als zum Beispiel aufgrund von Verkehrsunfällen, Drogen und HIV zusammen. Seit Jahren bewegt sich diese traurige Zahl auf einem relativ „stabilen“ Niveau. Noch 1980 waren doppelt soviele Todesfälle durch Suizid zu beklagen.
Losgelöst davon sterben laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) Jahr für Jahr bis zu 20.000 Mitmenschen an Influenza, also Grippe. Wie den Suizid nehmen wir das als gegeben hin. Es ist nichts weiter als eine statistische Zahl, die tausendfaches Sterben dokumentiert. Und sterben tun wir ja alle. Früher oder später.

Das stille Sterben

Laut Statista ist der am häufigsten für Suizide ausgewählte Ort die eigene Wohnung. Dies liegt nahe, da dieser Ort zum einen sehr vertraut ist und man zum anderen dafür sorgen kann, sein Vorhaben ungestört und unbeobachtet umzusetzen. In Zeiten von Ausgangsperre und Abstandsgebot ist dies jetzt aber auch draußen leicht möglich…

Jetzt, während der Corona-Krise, sind wir schon von Amtswegen dazu aufgefordert, wenn nicht gar gezwungen, das Haus oder die Wohnung nicht zu verlassen. Unserer täglichen Arbeit, unseren stabilisierenden Routinen können wir kaum noch nachgehen. Der erzwungene Shutdown bewirkt, dass Millionen von Existenzen auf dem Spiel stehen. Existenzen von Menschen, die als Unternehmer, Selbständige oder durch Jobverlust plötzlich ohne Einnahmen dastehen während die Ausgaben für Investitionen, Kredite und Lebensführung erst einmal weiter laufen. Gerade Menschen, die es gewohnt waren eigenverantwortlich zu agieren, trifft es nun besonders hart. Ohne aktiv handeln und gegensteuern zu können, müssen sie nun auf staatliche Hilfe hoffen, die kommt oder auch nicht; die ausreicht ein oder zwei Monate zu überbrücken oder auch nicht.

Das sorgt unweigerlich für Existenzängste, die, je nachdem wie ein Mensch sich mental eingestellt hat, in Kurzschlussreaktionen münden können. In Reaktionen, die nicht wieder gut zu machen sind. Und die sich mit etwas Zeitversatz in der Statistik als eine simple Zahl ausdrücken. Tod durch Selbstmord.

Jetzt ist Solidarität gefragt

Ja, unsere Alten, Schwachen und Kranken brauchen jetzt unsere besondere Solidarität- wie sie es übrigens schon immer benötigt haben.
Sie vor einer Corona-Infektion zu schützen, die zum vorzeitigen Tod führen kann, rechtfertigt die Einführung zielführender Maßnahmen.

Allerdings muss mit Augenmaß abgewogen werden, welche Maßnahmen wirklich zum Ziel führen und welche aus Angst und Hysterie getroffen werden, ohne dass Zahlen ihre Wirksamkeit belegen können.
Bei dieser Forderung bin ich mir bewusst, dass Zeit benötigt wird, Klarheit in diese unübersichtliche, nie dagewesene Situation zu bringen. Zeit, die es braucht, zielführende Maßnahmen von solchen zu unterscheiden, die öffentlichem Druck oder Aktionismus geschuldet sind.

Die Hoffnung stirbt nie

Es bleibt also zu hoffen, dass schon bald Fakten wieder unser Leben regieren. Und dies rechtzeitig erfolgt, bevor die Zwangsmaßnahmen aufgrund der Corona-Krise eine traurige Korrelation mit der Selbstmordrate eingehen.

Auch wenn wir uns jetzt gegenseitig nicht besuchen können, so ist es heute doch einfacher als je zuvor über digitale Medien in Kontakt zu bleiben. Die Aufrechterhaltung zwischenmenschlicher Beziehungen ist ganz besonders jetzt wichtig.
Hören wir also mehr einander zu. Reden wir mehr miteinander statt übereinander. Machen wir uns gegenseitig Mut, statt ins allgemeine Wehklagen einzusteigen.
Lassen wir unsere Familienangehörigen, Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen und Geschäftsfreunde jetzt nicht allein. Allein mit ihren Sorgen und Ängsten, ihrer stillen Verzweiflung.
Machen wir aus der Not eine Tugend, auch über die Krise hinaus.

Denn eins ist gewisss: Auch das geht vorbei.

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