9 Uhr 54 – oder warum wir uns bewusst begegnen sollten

Es war ein Donnerstag im Juni 2018 als ich den Stuttgarter Flughafen betrat, um einen Neukunden in Bremen zu besuchen.

Bei der Sicherheitskontrolle legte ich mein Notebook, meine Aktentasche, meine Jacke und andere Utensilien in die Transportbox des Durchleuchtungsgeräts und machte mich auf in Richtung des Body-Scanners. Dabei bemerkte ich die uniformierte Frau mittleren Alters, die mich auf der Ausgangsseite des Scanners in Empfang nehmen möchte. Mit einem freundlichen „Guten Morgen“ trat ich in den Scanner. Pflichtbewusst hob ich meine Arme nach oben („Hände hoch“ – ganz wie im Westernfilm) und wartete den Scan ab. Guten Gewissens und mit einem guten Gefühl ging ich der Dame des Sicherheitsdienstes entgegen. Dabei lächelte ich Sie an. Neben ihr stehend, hob diese plötzlich ihren linken Arm, schaute auf die Uhr und sagte mit traurig wirkender Miene die Worte „9 Uhr 54“.

"Sicher bin ich auserkoren worden mein Notebook zusätzlich der Sprengstoffprüfung zu unterziehen", dachte ich so bei mir. So fragte ich nach, ob ich der Auserwählte sei.

Auserwählt war ich gewissermaßen schon, denn ich war der erste Fluggast an jenem Donnerstag Morgen um 9 Uhr 54, der es für nötig hielt diese Frau zu grüßen.

Eine Schlange redet nicht

Wie lange mag die Schlange unbewusst durch Leben hetzender Mitmenschen wohl gewesen sein, bis ich sie mit meinen einfachen „Guten Morgen“ unterbrochen habe?

Glücklich darüber, diese traurige Szenerie mit meinem fröhlichen Gruß aufgelöst zu haben, schüttelte ich wortlos, aber mit vielsagendem Blick ihre Hand - und bekam ein erleichtert wirkendes Lächeln zurück.

Nur ein paar Schritte weiter durfte ich mein Notebook dann tatsächlich der Sprengstoffprüfung unterziehen. Währenddessen erzählte ich der netten Dame was ich gerade erlebt hatte. Nickend schaute Sie mich an und sagte „Wissen Sie, eigentlich liebe ich meine Arbeit – traurig macht mich allerdings was ich mir hier jeden Tag deswegen von den Leuten anhören muss.“

Nicht mehr ganz so glücklich und etwas betreten, holte ich wieder mein Zeug vom Förderband herunter und suchte währenddessen den Blick des Angestellten, der mir die Boxen zuschob. Mit den Worten „Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!“, verabschiedete mich bewusst von ihm und machte mich auf den Weg zu meinem Gate.

Empathie schafft Sympathie

Im Flugzeug angekommen nahm ich das Buch hervor, dass ich mir vorgenommen hatte während des Fluges fertig zu lesen. „Empathie schafft Sympathie“ lautete sein Titel. "Passt dieser Titel nicht wie die Faust aufs Auge zur gerade erlebten Situation?", schoss es mir durch den Kopf.

Der Duden spuckt zum Begriff Empathie die Definition aus: „Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Einstellungen anderer Menschen einzufühlen“.

Nun muss ich ehrlich zugeben, dass ich beim Rufen meines freundlichen Guten-Morgen-Grußes nicht daran gedacht habe mich in die Einstellungen der Dame des Sicherheitspersonals einzufühlen. Hier geht es um viel Grundsätzlicheres: um den Umgang von uns Menschen miteinander und insbesondere dann, wenn wir uns in Rollen verhaftet begegnen. Ich als Fluggast gegenüber der Sicherheitsbediensteten, die entscheidend mit dafür sorgt, dass meine Reise sicher verläuft. Es geht darum dem Menschen als Mensch zu begegnen, ihn bewusst wahrzunehmen und ihn nicht durch eine Rollenzuschreibung auf das Niveau einer Sache oder gar eines notwendigen Übels zu entwerten.

Lass dich mal auf dieses Experiment ein:
Beobachte dich bei nächster Gelegenheit einmal selbst, wie du dem Kellner im Restaurant, dem Busfahrer beim Einsteigen oder auch der Kassiererin an der Supermarktkasse begegnest. Dann frag dich „Nehme ich diesen Menschen, der mir gerade seine Aufmerksamkeit schenkt, bewusst wahr? Gehe ich freundlich mit ihm um? Oder sehe ich ihn nur als Mittel zum Zweck, um meine Bedürfnisse befriedigt zu bekommen? Wie fühle ich mich selbst, wenn mich mein Gegenüber nicht als Mensch, sondern als Objekt wahrnimmt?“ Kommen wir uns nicht als Kunde manchmal als Objekt vor? Oder als Verkehrsteilnehmer? Sehen wir beim dicht Auffahren nur das rollende Ärgernis vor uns oder auch den Menschen, der das Auto lenkt?

Kern dieses Experiments ist, uns selbst in unserer Rollen bewusst wahrzunehmen. Gehe ich empathisch mit meiner Umwelt um oder wundere ich mich, wenn es ständig scheint alle hätten sich gegen mich verschworen?

„Empathie ist eine Lebenseinstellung“, lautet das Fazit des Autors Michael Klabuhn und er hat Recht damit.

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